nathalie koger

She never stands still

On the Work Was ausgestellt wird
Andrea Roedig, Dr. phil., publicist (in Vienna)



The Amazon has descended from the plinth. Where once she was, heavy and solid, nothing remains but light air, a void. Something is missing on the plinth, something that is perhaps no longer possible – the determination to wage war, to fight, to engage in the unconditional destructive battle of the sexes. This is about radicality. The Amazon legend stands for mercilessness and for the perpetual-motion machine of a desire kindled only in destruction. Regardless of whether Achilles slays the Amazon queen Penthesilea, as in Homer’s epic – or Penthesilea slays Achilles, as in Kleist’s drama: they only come to love each other in death. Radical judgement always plays tragedy.


Now the plinth is empty and for a moment we may think that the Amazon has returned as Annabel the circus artiste. Her arrow is a circle, and she wields this weapon that has no pointed end any more as she skips through the fossilised archives of nationalist patriarchal iconography. Annabel is – perhaps – the principle of an infiltration, a seizure and appropriation of space that occupies no territory, that remains mobile, and is obliviously at peace with itself.

Half dreaming, half marvelling, the hula hoop artiste roams barefoot through the rows of stony plinth figures, always in fluid motion, so that the hoops can continue to circle around her body. And just as she rotates the hula hoops in passing, without looking, regarding the sculptures in passing, without stopping, so too does the affront happen en passant. Will she hit one of the sculptures? Will she catch one of them with the ring, as in the fairground game, or will she push one off its plinth and destroy it? Perhaps, but perhaps not. For Annabel is not aiming at anything. The peculiar tension of the scene is created by the fact that, while her rotating hoops are not weapons, they are nevertheless dangerous. They might hit something, en passant. But the biggest danger for the rigid comes from the living. Annabel is on a plinth too when the scene ends. But she never stands still, she is the opposite of a statue, she is the only thing moving here.
 
How radical can and should art be, and what is the role of women in it? “The greatest feminists are in the circus”, says Nathalie Koger. Circus artistes are of themselves queer, powerful and independent. They are placeless nomads and represent no nation. They are hard workers, the ease of their playing is founded on strict discipline. They mix genres.

The times of the grand oppositions are past. Today it would be a matter of finding a form of opposition that lies beyond ancient tragedy and comedy. For most postmodern forms of subversive criticism have degenerated into comedy because they can no longer clearly descry the opponent. Perhaps circus artistry could be useful as a model – its critical potential would lie in its inherent concentrated oblivion. For one can only strike one’s opponent if one is not too focused on him or oneself. Radicality en passant comes about in the space in between, in complete concentration on what lies between the ends of a movement.

The same would apply to the Amazon. The battle of the sexes was ever a self-fulfilling myth. Those who invoke it wanted to uphold the duality of the sexes at all costs. For it is the old dialectical game that binds the combatant for all time to what she combats, just as the devil cannot be without god, and god cannot be without the devil. How can one escape when reconciliation is impossible but fighting only means the eternal recurrence of the same patterns? One might begin to dance. Or simply go away, like the Amazon in Koger’s imagination. She might descend from the plinth and finally, finally beyond the alternative of war or peace, learn to move freely. Tertium datur.

translated by Mara Nievoll





Sie steht nicht fest

Über die Arbeit Was ausgestellt wird
Andrea Roedig, Dr. phil., Publizistin (in Wien)


Die Amazone ist vom Sockel gestiegen. Wo sie war, schwer und massiv, bleibt nichts als leichte Luft, ein Leerstelle. Etwas fehlt auf dem Podest, etwas, das vielleicht nicht mehr möglich ist – die Entschlossenheit zum Krieg, zum Kampf , zum unbedingten Vernichtungsstreit der Geschlechter. Es geht hier um Radikalität. Der Mythos der Amazone steht für Gnadenlosigkeit und für das Perpetuum mobile eines sich nur in der Zerstörung entfachenden Begehrens. Egal ob Achill die Amazonenkönigin Penthesilea mordet, wie in Homers Epos – oder Penthesilea den Achill, wie im Drama von Kleist: Sie lieben sich erst als Tote. Radikales Urteil spielt immer Tragödie.

Nun ist der Sockel leer und einen Moment lang mag man glauben, die Amazone sei als Zirkusartistin Annabel wiedergekehrt. Ihr Pfeil ist ein Kreis, und sie schwingt diese Waffe, die kein scharfes Ende mehr hat, tänzelnd durchs versteinerte Archiv nationalistisch patriarchaler Ikonik. Annabel ist – vielleicht – das Prinzip einer Unterwanderung, einer Raumerschließung und Aneignung, die kein Territorium besetzt, die beweglich bleibt und auf eine selbstvergessene Weise bei sich ist.

Halb träumend, halb staunend wandert die Hula Hoop Artistin barfuß durch die Reihen der versteinerten Sockelgestalten, immer in fließender Bewegung, damit die Reifen weiter um ihren Körper kreisen können. Und so wie sie nebenbei, ohne hinzuschauen, die Hula Hoops bewegt und nebenbei, ohne stehenzubleiben, die Skulpturen betrachtet, so geschieht auch der Affront wie im Vorbeigehen, en passant. Wird sie eine der Skulpturen treffen? Wird sie eine mit dem Ring fangen wie im Wurfspiel auf der Kirmes oder eine vom Sockel stoßen und zerstören? Vielleicht, vielleicht auch nicht. Denn Annabel zielt nicht auf etwas. Es macht die eigentümliche Spannung der Szene aus, dass ihre rotierenden Reifen keine Waffen und trotzdem nicht ungefährlich sind. Sie könnten treffen, en passant. Die größte Gefahr aber fürs Starre geht vom Lebendigen aus. Auch Annabel befindet sich zum Schluss der Szene auf einem Podest. Doch sie steht nie fest, sie ist das Gegenteil einer Statue, sie ist das einzig Bewegliche hier.

Wie radikal kann und soll Kunst sein, und was ist die Rolle von Frauen darin? "Die größten Feministen sind im Zirkus", so Nathalie Koger. Schon aus sich heraus sind Zirkusartist_innen queer, kraftvoll und unabhängig. Sie sind ortlose Nomad_innen und vertreten keine Nation. Sie sind harte Arbeiter_innen, strenge Disziplin steckt hinter der Leichtigkeit ihres Spiels. Sie vermischen die Genres.

Die Zeiten der großen Oppositionen sind vorbei. Heute ginge es darum, eine Form von Widerstand zu finden, die jenseits der alten Tragödie und der Komödie liegt. Denn zur Komödie sind die meisten postmodernen Formen subversiver Kritik verkommen, weil sie den Gegner nicht mehr klar ausmachen können. Vielleicht taugt die Zirkusartistik als Modell – ihr kritisches Potenzial läge in der ihr eigenen konzentrierten Selbstvergessenheit. Denn den Gegner trifft nur, wer nicht zu sehr auf ihn und nicht zu sehr auf sich fokussiert. Radikalität en passant entsteht im Raum dazwischen, in der vollständigen Konzentration auf das, was zwischen den Enden einer Bewegung liegt.

Das gälte dann auch fürs Amazonische. Der Kampf der Geschlechter war immer ein sich selbst wahr machender Mythos. Diejenigen, die ihn beschworen, waren daran interessiert, die Zweiheit der Geschlechter aufrecht zu erhalten um jeden Preis. Denn es ist ja das alte dialektische Spiel, dass sich die Kämpfende auf ewig an das Bekämpfte bindet, so wie der Teufel nicht ohne Gott sein kann und Gott nicht ohne den Teufel. Wie kommt man heraus, wenn Versöhnung unmöglich aber Kampf nur die ewige Wiederkehr derselben Muster bedeutet? Man könnte zu tanzen beginnen. Oder einfach weggehen, wie die Amazone in Kogers Phantasie. Sie könnte vom Sockel steigen und endlich, endlich jenseits der Alternative Krieg oder Frieden sich frei zu bewegen lernen. Tertium datur.

Erstveröffentlichung des Textes im Rahmen der Ausstellung Nathalie Koger "Buch ohne Regie. ein Portrait." in der Galerie 5020/Salzburg (22. 3. – 14. 4. 2012)